Distanz und Nähe


Wie gestalten wir Nähe, ohne Distanz zu verlieren?


Das momentane Leben unter Covid-19 ist ein großer Belastungstest, das menschliche Miteinander wird einschränkenden Regeln auf unbestimmte Zeit unterworfen - wie viele Realitäten überstehen diese Anspannung? Die Gefahren einer Ansteckung mit einem unberechenbaren Gegner fordert ein drastisches Ausdünnen aller zwischenmenschliche Interaktionen. Inmitten dieser neuen Alltagsrituale, fehlt vielen Menschen nun der besondere Kick, um die Gewöhnlichkeit ihrer Gegenwart zu ertragen. Andere wiederum entdecken einen vollkommen neuen Gestaltungsradius für ihre Bedürfnisse - Takt ist hier ein guter Freund mit besten Absichten, und die erzwungene Entschleunigung sollte unbedingt zur Routine werden. Wie anpassungsfähig sind wir?


Mit uns alleine lernen wir unser Leben zu verstehen.


Die eine Seite des Lebens ist Glück, die andere reine Kopfsache – nutzen wir unser Gehirn als das grandioseste Werkzeug der denkenden Spezies, um unserer eigenen Wahrheit einen starken Rahmen zu geben und menschliches Wachstum zu kultivieren. Ritualisierte Ersatzhandlungen, mit denen wir unseren täglichen Selbstbetrug pflegen, um tiefe, seelische Bereiche von Schmerz, Angst und Unsicherheit unangetastet zu wissen, werden durch die Coronakrise nun geschmälert. Ergeben wir uns dieser Krise oder nehmen wir die Herausforderung an, eingefahrene Strukturen umzugestalten? Die Distanz der Nähe und sprachlose Zeit mit uns selbst, zwingt uns zu erkennen, was in unserem Alltag wichtig sein sollte, und was stets im Schatten agiert – können wir überhaupt die Handlungszusammenhänge unseres Lebens verstehen? Wer darauf wartet, dass Ordnungen sich von alleine umgestalten, verhindert seine eigenen Chancen.


Lügen sagen viel über einen Menschen aus.


Die rasante Schnelllebigkeit unserer Gegenwart wird nun ausgebremst, und Raum für alte Möglichkeiten wird geschaffen – denn Zeit und Nähe können zwar Gegner, aber auch Verbündete sein. Bescheidenheit sollte als neuer Maßregler für menschliche Größe verstanden werden. Lassen wir schwelende Grundkonflikte in unsere Gedanken brechen, und erinnern wir uns an unsere Verletzlichkeit und Stärke. Die Betäubung und Verdrängung schmerzender Rückblicke wird in Zeiten der Distanz gemindert, dies kann zum Einen für neuen Stress sorgen, der sich aber konstruktiv nutzen lässt. Durch unehrliches Wahrnehmen unserer menschlichen und weltlichen Möglichkeiten, schätzen wir unsere eigene Belastungsgrenze oftmals falsch ein – doch Leben heißt suchen, nicht finden! Entdecken wir bei allen Unterschieden eine Gleichwertigkeit und definieren wir unsere Entwicklung über all die Dinge die wir tun, und über den Menschen, der wir tatsächlich sind.


Wie leben wir Distanz, ohne Nähe zu vermissen?


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